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Ich fühle Schönheit in all ihren Erscheinungsformen. Dieses Wunder überwältigt mich jeden Tag aufs Neue. Ich werde bald sterben – ich muss sterben – doch ich bin wie ein Baum in voller Blüte.

Bis heute erzählen die eindrucksvollen Werke François-Auguste-René Rodins (1840-1917) von einem Künstler, der durch seine beständige Leidenschaft und stilistischen Innovationen einen Grundstein zum Zeitalter der Moderne legte. Doch wer war der Mann, von dem der französischen Literat Edmond de Goncourt behauptete, er gleiche “einem triebhaften Faun”, der von Kunststudenten gefeiert und vor dem selbst Cézanne in Anerkennung auf die Knie ging?

rodin und die leidenschaft der kuss

Berühmte Plastiken wie Der Kuss (1888-1889) verdeutlichen, dass Sinnlichkeit, Sexualität und Erotik einen hohen Stellenwert im Leben des Künstlers einnahmen und darüber hinaus die Quelle unerschöpflicher Energie und Faszination darstellten. Die Skulptur zeigt ein umschlungenes Liebespaar aus reinweißem, ebenmäßigem Marmor, bei deren Herstellung Rodin von Dantes Inferno bzw. der inzestuösen Beziehung der Figuren Francesca und Paolo inspiriert wurde. Es wundert nicht, dass die offensichtlich erotische Darstellung eines Liebespaares, bei dem die Frau ihren Liebhaber beinahe fordernd zu sich herabzieht, in der Pariser Welt auf Ablehnung und Empörung stieß. Eigentlich hatte die Plastik sehr viel kleiner auf dem Höllentor (1880-1917) Platz finden sollen. Dieses hatte die französische Regierung zuvor für das geplante Musée des Arts decoratifs in Auftrag gegeben. Als das verantwortliche Komitee jedoch Der Kuss sowie den mit seinen unverhältnismäßigen Proportionen grotesk anmutenden Balzac (1992-1993) sah, kündigte es den Auftrag mit Rodin.

Obgleich die Skulptur zu einem Skandal erhoben wurde, ist sie doch Ausdruck eines Künstlers, der nicht nur auf seine Weise emanzipatorisch dachte, indem er der Frau eine führende Rolle zuwies, sondern auch neue, ungezwungene Darstellungstechniken einführte. Anders als oft angenommen, arbeitete Rodin als Modellierer, während seine Marmorplastiken zum größten Teil von seinen Assistenten gemeißelt wurden. In seinem Atelier vertiefte er sich stattdessen in das Drücken, Glätten und Formen von Ton, wobei er auf diesen spuckte, um ihn feucht zu halten. Als der Autor Stefan Zweig Rodin besuchte, beschrieb er: “Er [Rodin] arbeitete und arbeitete mit der ganzen Leidenschaft und Kraft seines schweren Körpers.” Es scheint unverkennbar, dass der Bildhauer, der von der Oxford University die Ehrendoktorwürde erhielt, mit Inbrunst an seine Werke herantrat.

Traumhafte Gartenskulpturen:

Rodin gehörte zu den Künstlern, deren Kreativität einer ungezügelten Leidenschaft entsprang. Während sich van Gogh in seiner Manie ein Ohr abbiss, hatte Rodin wechselnde Affären und Geliebte und das, obwohl er sich Zeit seines Lebens nicht von seiner großen Liebe Rose Beuret trennte. Mit Mitte Zwanzig lernte er die Näherin in einem Süßwarenladen kennen und bekam wenige Jahre später einen gemeinsamen Sohn mit ihr. Allerdings entschloss er sich erst mit 77 Jahren, die Verbindung unter das Siegel der Ehe zu stellen – einen Monat später verstarb Rose. Dass Rodin seine Frau geliebt hat, hielt ihn jedoch nicht davon ab, mit der äußerst begabten Bildhauerin Camille Claudel über 15 Jahre hinweg eine Beziehung zu führen und zahlreiche Tändeleien mit seinen Modellen zu beginnen.
Seine Passion für Erotik und Leidenschaft bezeugen auch die über 8000 Zeichnungen mit modernen Tänzerinnen und weiblichen Akten. Hierfür verwendete Rodin eine ihm eigene Methode, bei der er, oft ohne auf das Blatt zu blicken, in wenigen Linien die Position und Züge des Modells festhielt, das Papier fallen ließ und ein neues begann. Anschließend konnten die Blätter hintereinander gelegt und gemeinsam übertragen werden, wodurch äußerst lebendige und mehrdimensionale Bewegungen zu Stande kamen. Im Grunde genommen war Rodin fasziniert von der Ästhetik des Menschen im Allgemeinen und der Frau im Besonderen. Der Bildhauer Henry Moore drückte diese Tatsache mit den Worten aus: “Für Rodin allerdings […] war diese erotische Spannung Teil seines persönlichen Verhältnisses zur menschlichen Gestalt.”

Der Denker

Rodins Kunstwerke sind so vielseitig wie sein Leben selbst. Plastiken wie Das Höllentor und Der Denker (1880-1882) sprechen von einer Ernsthaftigkeit, die im Kontrast zur Leichtigkeit späterer Zeichnungen kambodschanischer Tänzerinnen steht. Der Bildhauer wuchs innerhalb einer hart arbeitenden, armen Pariser Familie auf und verbrachte nach dem Tod seiner Schwester ein Jahr im Kloster, ehe sich unter der Anleitung von Albert-Ernest Carrier-Belleuse der Traum von einer Tätigkeit als Bildhauer verwirklichte. Auf den Weg bis zur kambodschanischen Tänzerin zeigen Rodins Werke zunächst die Einflüsse der griechischen Antike sowie der Künstler Donatello und Michelangelo. Dennoch bewegte er sich stets in einem ungezwungenen Rahmen, vergab seinen Arbeiten erst nach Vollendung einen Titel, als sei erst die Skulptur und dann die Idee im Raum, und kümmerte sich wenig um die formalästhetischen Ansprüche der Pariser Gesellschaft. Zurecht trug er den Namen als Frankreichs bedeutendster, lebender Künstler, wurde von Angehörigen des Königshauses aufgesucht und zum Ritter der Ehrenlegion ernannt.

Fotos: Rodin 1898 im Atelier – Wikipedia: gemeinfrei, Fotolia.

Über den Autor

Bianca Geurden entdeckte ihre Leidenschaft für die künstlerische und textliche Gestaltung bereits in jungen Jahren und setzte diese später in ein Studium der Germanistik und Kommunikationswissenschaften um. Ihre Vorliebe für ein Spiel mit Farben, Formen und Wörtern führte sie schließlich auch zum Thema Gartendekorationen und –austattungen.

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